Erinnerungen

Erinnerung ist das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Jean Paul

Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll. Am Besten mit seiner Geburt: Carsten wurde am 27.04.1973 geboren. Eigentlich sollte er ein Mädchen werden, aber als ich ihn dann gesund in den Armen hielt, war ich auch über den zweiten Sohn glücklich. Er war ein pflegeleichtes Baby und ein übermütiges Kleinkind. So wuchs er mit seinem Bruder Frank, der zwei Jahre älter ist, heran. Als er dann zur Schule kam, brachte er mir oft einen Strauß Blumen mit, manchmal auch aus Nachbars Garten, umarmte mich und sagte "Für die liebste Mami der Welt!".

Sport war für ihn schon sehr früh wichtig. Egal ob Fußball, Tennis und später Basketball, er tat es mit Begeisterung.

Ich glaube, so mit 12 Jahren wollte er unbedingt Kreismeister im Tennis werden. Vor lauter Aufregung klappte gar nichts und vor Enttäuschung stand er am Zaun und weinte und ich hatte meine Mühe, ihn zum Weiterspielen zu bewegen. Arnd wurde Kreismeister und ich glaube, das war der Beginn einer langen Freundschaft.

Später passierte ihm das nicht mehr, er wurde oft Kreismeister und zeigte uns tolle Tennisspiele.

Sehr früh nahm ich die Jungs zum Skilaufen mit. In den ersten Jahren hieß es "Mami, Mami, warte auf uns, nicht so schnell!". Zehn Jahre später: "Mutter, wo bleibst du denn, so alt bist du nun auch nicht!".

Wir spielten viel: ob Schiffeversenken, Hase + Igel, Scottland Yard oder andere Brettspiele. Bis zu Risiko habe ich noch mitgehalten. Dann kamen die Spieleabende mit seinen Freunden mit Diplomacy, Siedler usw., die ihm dann auch während seiner Krankheit sehr geholfen haben.

Bei schlechtem Wetter kuschelten wir im Bett, ich las "Die unendliche Geschichte" vor und kraulte den Kindern den Rücken. Später durfte ich nicht mehr kraulen, es hieß dann "massieren".

Gerne denke ich an die Tanzstundenzeit mit Manuela zurück. Die beiden konnten so gut tanzen.

So vergingen die Jahre. An seinem 18. Geburtstag kamen so um die 100 Leute und er genoss seine Jugend. Zeit hatte er nie. Einmal schenkte er mir zu Weihnachten einen Gutschein über "ZEIT". Das sei das Kostbarste, was er habe, und er wolle einen ganzen Tag mit mir verbringen. Wir hatten auch einen sehr schönen Tag.

1993 schaffte er dann auch ein recht gutes Abitur, erstaunlich, denn viel Zeit zum Lernen hatte er nicht.

Als er dann bei der Bundeswehr war, kamen am Wochenende seine Freunde und sie machten ihre Späße und wetteiferten, wer am längsten marschiert ist oder am tiefsten im Schlamm gestanden hat.

Ich hatte Glück, ich konnte Carsten noch zwei Jahre "behalten": Er machte eine Banklehre. Frank war inzwischen zum Studium nach Hannover gezogen und ich war froh, dass er noch blieb. Aber auch diese Zeit ging vorbei, er hatte über die ZVS einen Studienplatz in Paderborn bekommen. Dort fing er auch an Frisbee zu spielen. Nach vier Semestern wechselte er dann nach Hannover und wohnte mir seinem Bruder und einem Freund in einer WG. Es lief alles bestens, er hatte Spaß am Studium, jobte nebenbei auf der CeBIT oder war beim NDR und spielte mit Begeisterung Frisbee.

Ende Oktober 2000 kamen beide Söhne zu meinem Geburtstag. Sie schenkten mir ein Handy. Ich freute mich sehr und war so stolz auf sie. Carsten war etwas dünner geworden, aber er versprach mir, mehr zu essen. Es läge wohl am Klausurenstress.

Ich dachte, bald ist wieder Weihnachten, da werde ich sie wieder so richtig verwöhnen.

Wer denkt schon an Krebs, wenn man sich über seine prächtigen Söhne freut?

Als Frank mit dem Motorrad nach England fuhr, habe ich für die Söhne eine Unfallversicherung abgeschlossen. Ich habe an alles gedacht, doch NIE an Krebs!

Ab Weihnachten 2000 konnte ich nur noch an Krebs denken und ich habe versucht, seinen Kampf ohne große Gefühle aufzuschreiben. Er hat auch während seiner Krankheit seinen herrlichen Humor nicht verloren und war so tapfer. Er lebt in meinem Herzen weiter.